Pressestimmen

NIEDERELBE-ZEITUNG/ CUXHAVENER ALLGEMEINE 28.10.02

Über gereimten Unsinn mit Tiefgang

Letzter ..Kunstpott": Christian Kaiser und Franziska Mencz gaben ,,Ein Seminar über R. Gernhardt" in der Lamstedter Bördehalle

Lamstedt

,,Schön, dass Sie etwas zum Lesen mitgebracht haben, es wird sehr langweilig" so begrüßte Schauspieler Christian Kaiser einen Besucher, der vor deni Beginn der Lesung angeregt in einem Much blatterte. Auf dem Programm der vorletzten Kunstpott-Veranstaltung in der Bördehalle standen Werke von Robert Gernhardt. Gernhardt und langweilig? Nein, das konnte nicht zusammenpassen.

Gemeinsam mit Franziska Mencz gab Christian Kaiser einen Einblick in Lyrik und Prosa von Robert Gernhardt, dem Frankfurter Schriftsteller-Multitalent, das nebenbei noch Maler, Zeichner und Karikaturist ist. Christian Kaiser ist in Lamstedt kein Unbekannter. 1994 war er in ,,G6tterspeise" und 1999 mit ,,Venus und Adonis" in der Borde zu sehen.

Gernhardt nimmt kein Blatt vor den Mund, Kaiser und Mencz taten es auch nicht. Sehr ,,büromäßig" im ,,langweiligen" Beige-Grau gekleidet erschienen sie zum ,,Seminar über R. Gernhardt", imitierten trocken und nüchtern eine Lehrveranstaltung.

Gerade damit kamen sie der Ironie und dem Witz der Gernhardt'schen Werke besonders nahe. Es ging ums Dichten, den Literaturbetrieb im Allgemeinen, das Reisen, die Natur und zuletzt auch den Tod. Zu alledem hat sich der Autor ,,R.G." etwas einfallen lassen.

Franziska Mencz und Christian Kaiser vollbrachten es gekonnt, dessen Texte zum Leben zu erwecken und ihrem Witz, ihrem Unsinn, aber auch ihrem Tiefsinn nachzuspüren. Man litt und lachte mit Dichter Dorlamm, Herrn Hefel und all den anderen Figuren.Natürlich durfte auch der ,,Kragenbär" - eine von Gernhardt gezeichnete ,,Bildergeschichte" nicht fehlen.

Die ,,Schriftstellerkollegen" von Kleist bis Jandl hat Gernhardt gelungen parodiert. Zum Beispiel Ernst Jandls „ottos mops“. Bei Gernhardt gibt es dann ,,gudruns luchs" oder auch ,,gittis hirsch“, beides urkomische Abwandlungen.

Wenn ,,R.G." reist, kommen die Hässlichkeiten der bundesdeutscher Kleinstadte meist nicht ungeschoren davon. Zahlreiche Beispiele, wie „Nachdem er durch Metzingen gegangen war“ zeugen davon. Respektlos tritt Gernhardt auch den annerkannten Größen der Zeitgeschichte gegenüber. Nicht nur Kant und Strindberg werden verballhornt. Sogar der Tod bekommt zum Schluss der szenischen Lesung seinen Teil. Mencz und Kaiser verstanden, sich den Texten hinzugeben. Die leider nur rund 40 Besucher, die zu dieser vorletzten Kunstpott-Veranstaltung in der Lamstedter Bördehalle gekommen waren, hatten daran ihre Freude.

 

IBBENBÜRER ZEITUNG 2.5.06

Gedrucktes Wort gekonnt mit Leben erfüllt - Das szenische Spiel verbarg viel Tiefsinn

• Von Norbert Hecker

Mettingen. Banalitaten bedeutungsschwanger und hochdramatisch vorgetragen, komprimierte Lebensweisheiten lapidar und en passant ausgesprochen dazwischen spannte sich der Bogen bei

der szenischen GernhardtLesung am Freitagabend im Kulturspeicher. Der Kulturverein hatte mit skurrilen Dialogen und allerlei Wortspielereien in seiner Einladung geworben.

Die Texte von Robert Gernhardt geben es auch her.

Aber zum Leben, zum Schwingen kamen die abgrundtiefen Pointen und die intellektuellen Schärfen der kunstvoll durchkomponierten Wortkunstwerke des Frankfurter Satirikers erst durch die beiden Schauspieler und ihren meisterlichen Vortrag: Jeder für sich und mehr noch im gekonnten Zusammenspiel gaben sie den Versen Leben, das gedruckte Wort bekam eine noch tiefgehendere und raumgreifendere Bedeutung! Franziska Mencz überzeugt vor allem durch den Vortrag der schrillen Vokale. Mit ihrem "i", "ü" und "e" hatte man Glasplatten schneiden konnen! Ihr Partner Christian Kaiser war fur die eruptiven Emotionen gut! Gefiel sie durch die kleine Geste, den kurzen viel oder auch alles sagenden Blick, so überzeugte ihr Partner durch die großen Geste, die dem Wortlaut des Textes nach überzogene Theatralik. Beide gefielen sich und gefielen den Zuhörern in ihrer lustvollen Hingabe ans Absurde. Die gedruckte Vorlage aus der Satirezeitschrift und Zitate bekannter Prominenter der Literaturgeschichte dienten als Grundlage.die Schauspieler der Shakespeare Compagnie aus Bremen gestalteten, inszenierten daraus Dialoge und Pointen, Nonsens und Lebensweisheit, dass die Zuschauer sich zu gerne noch viel mehr gemerkt und Wortlaut und Witz in ihrem Gedächtnis gespeichert hatten.

Zum Gelingen dieses Abends trug es auch bei, dass die Schauspieler sich immer wieder und geschickt bemühten das Publikum mit einzubeziehen in ihr Spiel. Der Raum im Kulturspeicher erleichterte es, die Kluft zwischen Bühne und Zuhorern immer wieder zu überbrücken.

Sparsamste, aber treffendste Mittel bei Kostüm und Szene, gekonnte Stimmführung, unauffällig-selbstverständliches, aber hart trainiertes Zusammenspiel der beiden Mimen begründeten den Erfolg des Abends - nicht nur für vorher schon eingefleischte GernhardtFans. Der lang anhaltende Beifall am Ende bewies es.

Norbert Hecker

 

 

 

DEWEZET

Mittwoch, den 15. Mai 2002

,,Dich will ich loben, HÄssliches, Du hast so was verlässliches“

,,bremer Shakespeare company" gastierte mit Gernhardt,,Dichterlesung" im TAB

Von Juliane Lehmann

Hameln.

Überraschung im Theater Hameln: Wer am Montagabend die ,,Dichterlesung" im TAB besuchte, fand sich unversehens im ,,Seminar R. Gernhardt" wieder, angeleitet von Christian Kaiser und Uta Krause von der ,,bremer shakespeare company", die einige Ankommende gar mit Handschlag begrüssten und manchem Seminaristen obendrein noch 'ne Brause besorgten. 

Wunderbar aufeinander eingespieltes Duo

Freilich hat Robert Gernhardts so virtuos sprachspielerisch zwischen Un- und Tief- und Hinter-sinn pendelnde Lyrik es keineswegs nötig, überhaupt unter Hinzuziehung dramatischer Elemente rezitiert zu werden. Denn wie meisterhaft der Mitbegründer der ,,Neuen Frankfurter Schule“ anspielungsreich an die Tradition der alten Dichter anknüpfend gereimte Gedichte auf äußerst humorvolle Weise zu etwas auch heute sehr Gültigem macht, erschließt sich durchaus schon beim Lesen. Auch und gerade, weil der Poet von ihm Erlebtes und Beobachtetes in einem so bezaubernd schnodderigen Mischmasch aus Hochgeistigem und Banalem in derart pointierte Verse gießt, freut sich der Leser auf die listigen Offenbarungen eines jeden neuen Bonmots sei sein Inhalt nun vergnüglich oder ernst. Oder beides.

So etwa in ,,Nachdem er durch Metzingen gegangen war": ,,Dich will ich loben, Hässliches, Du hast so was verlässliches (...) Wer Schönes anschaut, spürt die Zeit, und Zeit sagt stets: Gleich ist's so weit. Die Schönheit gibt uns Grund zur Trauer, die Hässlichkeit erfreut durch Dauer."

Christian Kaiser als jovialer Seminarleiter und Uta Krause, ganz beseelt eifernde Zuchtmeisterin der Poesie, bereicherten Robert Gernhardts Miniaturen mit ihrem vielseitigen Vortrag ungemein: Ob mit süffisantem Lächeln oder brüllend, spitzzüngig oder mit orgiastisch bebender Stimme - das wunderbar aufeinander eingespielte Duo fesselte sein Publikum in jedem Moment. So erweiterten die Bremer rezitierend und spielend die Wirkung von Sprachwitz und Botschaft in Gernhardts Texten aus drei Jahrzehnten um eine sehr eindrückliche Dimension. Die Auswahl und das geschickte Arrangement taten ein übriges zum Gelingen. Kein Zweifel also: Das Gastspiel bescherte den TAB-Besuchern einen außerst vergnüglichen Theaterabend.