ein paar Kostproben von Daniil Charms

Begegnung

Da ging einmal ein Mensch ins Büro und traf unterwegs einen anderen Menschen, der soeben ein französisches Weißbrot gekauft hatte und sich auf dem Heimweg befand. Das ist eigentlich alles.

Die neugierigen alten Frauen

Eine alte Frau lehnte sich aus übergroßer Neugierde zu weit aus dem Fenster, fiel und zerschellte. Aus dem Fenster lehnte sich eine zweite alte Frau und begann, auf die Tote hinabzuschauen, aber aus übergroßer Neugierde fiel auch sie aus dem Fenster, fiel und zerschellte. Dann fiel die dritte alte Frau aus dem Fenster, dann die vierte, dann die fünfte. Als die sechste alte Frau hinausgefallen war, hatte ich es satt, ihnen zuzuschauen, und ging auf den Malcevskij Markt, wo man angeblich einem Blinden einen gestrickten Schal geschenkt hatte.

 

An der Quaimauer unseres Flusses hatte sich eine sehr große Menschenmenge gesammelt. In den Fluss gefallen war der Regimentskommandeur Sepunov. Er verschluckte sich in einem fort, sprang bis zum Bauch aus dem Wasser, schrie und versank wieder im Wasser. Er schlug mit den Armen nach allen Seiten und schrie wieder um Hilfe. Die Menge stand am Ufer und schaute mit finsterer Miene zu. - Er geht unter, - sagte Kuzma. - Klar geht er unter, - bestätigte ein Mann mit einer Schirmmütze. Und tatsächlich, der Regimentskommandeur ging unter. Die Menge begann sich zu verlaufen.

Bobrov ging die Straße entlang und dachte: warum, warum, wenn man Sand in die Suppe schüttet, schmeckt dann die Suppe nicht mehr?Plötzlich sah er am Straßenrand ein kleines Mädchen sitzen, das einen Wurm in der Hand hielt und weinte. - Warum weinst du? - fragte Bobrov das kleine Mädchen. - Ich weine nicht, ich singe, - sagte das kleine Mädchen. - Aber warum singst du so? - fragte Bobrov. - Damit der Wurm lachen kann, - sagte das Mädchen, - und ich heiße Natascha.- Ach so? - staunte Bobrov. - Ja, genau so - sagte das Mädchen, - auf Wiedersehen. Das Mädchen sprang auf, setzte sich auf sein Fahrrad und fuhr davon. - So klein und kann schon Fahrrad fahren, - dachte Bobrov.

Das blaue Heft Nr. 10

Es war einmal ein Rotschopf, der hatte weder Augen noch Ohren. Er hatte auch keine Haare, so daß man ihn an sich grundlos einen Rotschopf nannte.

Sprechen konnte er nicht, denn er hatte keinen Mund.

Eine Nase hatte er auch nicht.

Er hatte sogar weder Arme noch Beine. Er hatte keinen Bauch, er hatte keinen Rücken, er hatte kein Rückgrat, er hatte auch keinerlei Eingeweide. Nichts hatte er! So daß unklar ist, um wen es hier eigentlich geht.

Reden wir lieber nicht weiter darüber.

 

Kleines Lied

Einst ging ein Mensch aus seinem Haus

in Mantel, Stock und Hut

Lang ist der Weg

lang ist der Weg

der vor ihm auf sich tut.

Er ging und ging geradeaus

und schaute nicht beiseit.

Nicht schlief nicht trank

nicht schlief nicht trank

er gestern, morgen, heut.

Und eines Tags im Morgengraun

stand er im dunklen Wald

Und seit der Zeit

und seit der Zeit

er für verschwunden galt.

Begegnet ihr ihm irgendwann

an irgend einer Stell

dann sagt es uns

dann sagt es uns

dann sagt es uns ganz schnell.

 

 

Gebet vor dem Einschlafen

Am 28. März 1931 um 7 Uhr abends

Herr, mitten am helllichten Tage

ward ich befallen von der Faulheit.

Erlaube mir zu Bett zu gehen und zu schlafen Herr,

und bis ich einschlafe, wiege mich Herr

mit Deiner Kraft.

Vieles möchte ich wissen,

aber weder Menschen noch Bücher sagen es mir.

Nur Du erleuchte mich Herr

auf dem Wege meiner Verse.

Wecke mich stark zum Kampf mit den Bedeutungen,

schnell zum Führen der Wörter

und fleißig im Lobpreisen Deines Namens Herr in Ewigkeit.

 

Ein Mensch legte sich als Gläubiger schlafen, und erwachte als Ungläubiger.

Zum Glück stand im Zimmer dieses Menschen eine Medizinalwaage, und der Mensch hatte die Gewohnheit, sich jeden Tag morgens und abends zu wiegen. Und so hatte der Mensch beim Wiegen am Abend zuvor erfahren, dass er 4 Pud und 21 Pfund wog. Am anderen Tage aber, als Ungläubiger aufgestanden, wog der Mensch sich erneut und erfuhr, dass er nur mehr 4 Pud und 13 Pfund wog. "Also, - sagte sich der Mensch, - wog mein Glaube annähernd 8 Pfund.".

 

Die vierbeinige Krähe

Es war einmal eine Krähe, die hatte vier Beine. Sie hatte eigentlich sogar fünf Beine, aber darüber lohnt nicht zu reden.

Einmal hatte sich die vierbeinige Krähe Kaffee gekauft und dachte: "So, ich habe mir Kaffee gekauft, aber was mache ich jetzt damit?"

Da kam unglücklicherweise ein Fuchs des Wegs. Er sah die Krähe und rief ihr zu: - He, - ruft er, - du Krähe!

Und die Krähe ruft zurück:

- Selber Krähe!

Ruft der Fuchs zurück:

- Und du, Krähe, bist ein Schwein!

Da verschüttete die Krähe vor Ärger den ganzen Kaffee. Und der Fuchs lief davon. Die Krähe aber kletterte zur Erde hinab und ging auf ihren vier, genauer, auf ihren fünf Beinen in ihr armseliges Haus.

 

Ich heirate heute

Koka Brjanskij: Ich heirate heute.

Mutter: Was?

Koka Brjanskij: Ich heirate heute.

Mutter: Was?

Koka Brjanskij: Ich sage, ich heirate heute.

Mutter: Was sagst du?

Koka: Ich sage, ich will heu-te - hei-ra-ten!

Mutter: Hei? Was heißt das, hei?

Koka: Hei-rat!

Mutter: Rat? Was für ein Rat?

Koka: Nicht Rat, sondern Hei-Rat!

Mutter: Also doch kein Rat?

Koka: Genau, kein Rat, und aus.

Mutter: Was?

Koka: Na, kein Rat. Verstehst du! Kein Rat.

Mutter: Jetzt kommst du wieder mit diesem Rat. Ich weiß nicht, wieso Rat.

Koka spuckt aus: Tffu! Hei und Rat! Was soll denn dieses Hei! Du mußt doch selbst sehen, einfach hei zu sagen, ist unsinnig!

Mutter: Was sagst du?

Koka: Hei, sage ich, ist unsinnig!!!

Mutter: Nig?

Koka: Was soll denn das bloß? Wie bringst du das fertig, nur einen Wortfetzen zu hören, und dann noch so einen sinnlosen: nig! Warum ausgerechnet nig!

Mutter: Jetzt sagst du wieder nig!

Koka Brjanskij würgt seine Mutter. Die Braut Marusja tritt auf.

 

Ein Mensch schlief von klein auf bis ins hohe Alter immer auf dem Rücken mit gefalteten Händen. Schließlich und endlich starb er. Schlafe deshalb auf der Seite.

Es ist nützlich für den Menschen, nur das zu wissen, was er wissen soll. Dazu kann ich las Beispiel folgenden Fall anführen:Ein Mensch wusste ein wenig mehr, und ein anderer ein wenig weniger, als sie hätten wissen sollen. Und was geschah? Der eine, der ein wenig weniger wusste, wurde reich, der andere, der ein wenig mehr wusste, verbrachte sein Leben lang nur im Wohlstand.

Rehabilitierung

Ohne angeben zu wollen, kann ich sagen, dass ich Volodja, als er mir eine aufs Ohr gehauen und mir ins Gesicht gespuckt hatte, so erwischt habe, dass er es nie vergessen wird. Erst danach habe ich ihm den Primuskocher drübergehauen, und mit dem Bügeleisen habe ich ihn erst gegen Abend geschlagen. So dass er also keineswegs gleich tot war. Dass ich ihm das Bein dann am Tage abgeschnitten habe, ist kein Beweis. Zu der Zeit hat er noch gelebt. Und Andrjuscha habe ich einfach aus Trägheit erschlagen, das kann ich mir nicht zum Vorwurf machen. Warum sind Andrjuscha und Elisaveta Antonovna mir in die Hände gefallen? Sie hätten nicht plötzlich hinter der Tür hervorspringen dürfen. Blutrünstigkeit wirft man mir vor, man sagt, ich hätte Blut getrunken, aber das ist nicht wahr, ich habe die Blutlachen und Blutflecken aufgeleckt; es ist ein natürliches Bedürfnis des Menschen, die Spuren seines auch noch so geringen Verbrechens zu beseitigen. Auch habe ich Elisaveta Antonovna nicht vergewaltigt. Erstens war sie keine Jungfrau mehr, und zweitens hatte ich mit der Leiche zu tun und keine Zeit, sie zu trösten. Und daß sie kurz vor der Niederkunft stand? Ich habe das Kind doch rausgezogen. Und daß es überhaupt kein Erdenbewohner war, das ist nun mal nicht meine Schuld. Ich habe ihm den Kopf nicht abgerissen, schuld war der dünne Hals. Es war für dieses Leben nicht geschaffen. Es ist wahr, daß ich ihr Hündchen mit dem Stiefel in den Erdboden gestampft habe. Aber es ist schon Zynismus, mich der Tierquälerei zu besichtigen, wenn dicht daneben, kann man sagen, drei Menschenleben vernichtet wurden. Das Kind nicht mitgezählt. Also schön: in alledem (und dem kann ich zustimmen) möge man eine gewisse Brutalität meinerseits erkennen. Aber mir als Verbrechen anzurechnen, dass ich mich auf meine Opfer gesetzt und meine Notdurft verrichtet habe, - Sie müssen schon entschuldigen, das ist einfach absurd. Sich entleeren ist ein natürliches Bedürfnis, folglich durchaus kein verbrecherisches. Weshalb ich die Besorgnis meines Verteidigers zwar verstehe, aber dennoch auf meinen Freispruch hoffe.

Fälle

Einst aß Orlov zu viel Erbsenbrei und starb. Und als Krylov davon erfuhr, starb er auch. Und Spiridonov starb von ganz allein. Und Spiridonovs Frau fiel von der Kommode und starb ebenfalls. Und Spiridonovs Kinder ertranken im Teich. Und Spiridonovs Großmutter ergab sich dem Suff und trieb sich auf der Straße herum. Und Michaijlov hörte auf sich zu kämmen und kriegte die Krätze. Und Kruglov malte eine Dame mit Knute in der Hand und wurde verrückt. Und Perechrestov bekam telegraphisch 400 Rubel und gab damit dermaßen an, dass man ihn entlassen musste. Lauter gute Menschen, und können keinen kühlen Kopf bewahren.

 

 

Unversehenes Besäufnis

Eines Tages schlug Antonia Alexejewna ihren Mann mit dem Dienststempel und schmierte ihm dabei Stempelfarbe an die Stirn.

Der schwer gekränkte Pjotr Leonidowitsch, Antonina Alexejewnas Mann, schloss sich im Badezimmer ein und machte niemandem auf.

Die Mieter der Gemeinschaftswohnung hatten aber ein starkes Bedürfnis, dorthin zu gelangen, wo Pjotr Leonidowitsch saß, und beschlossen, die Tür aufzubrechen. Pjotr Leonidowitsch sah, dass seine Sache verloren war, kam aus dem Badezimmer heraus, ging in sein Zimmer und legte sich ins Bett.

Aber Antonina Alexejewna trieb es, ihren Mann weiter zu verfolgen. Sie riss Papier in kleine Schnipsel und bestreute damit den auf dem Bett liegenden Pjotr Leonidowitsch. Wutschnaubend stürzte Pjotr Leonidowitsch in den Korridor und riss dort die Tapete von den Wänden.

Da eilten die Mieter herbei, und als sie den unglücklichen Pjotr Leonidowitsch bei seinem Treiben sahen, fielen sie über ihn her und zerfetzten ihm seine Weste.

Pjotr Leonidowitsch lief zur Verwaltung der Wohngenossenschaft. Unterdessen zog sich Antonina Alexejewna nackt aus und versteckte sich in der Truhe. Nach zehn Minuten kam Pjotr Leonidowitsch wieder und brachte den Hausverwalter mit.

Da sie die Hausfrau nicht finden konnten, beschlossen der Hausverwalter und Pjotr Leonidowitsch, die Gelegenheit der freien Räumlichkeiten wahrzunehmen und Wodka zu trinken. Pjotr Leonidowitsch machte sich auf die Beine, dieses Getränk an der Ecke zu holen.

Als Pjotr Leonidowitsch gegangen war, stieg Antonina Alexejewna aus der Truhe und stellte sich em Hausverwalter nackt zur Schau. Erschüttert sprang der Hausverwalter vom Stuhl auf und flüchtete zum Fenster, aber als er die mächtige Statur der jungen sechsundzwanzigjährigen Frau sah, ergriff ihn ein wildes Entzücken.

Da kam Pjotr Leonidowitsch mit einem Liter Wodka wieder. Angesichts dessen, was sich in seinem Zimmer Tat, runzelte Pjotr Leonidowitsch die Stirn. Aber seine Frau Antonina Alexejewna zeigte ihm den Dienststempel, und er beruhigte sich wieder.

Antonina Alexejewna äußerte den Wunsch, an dem Besäufnis teilzunehmen, allerdings nur nackt und noch dazu auf dem Tisch sitzend, auf dem der Imbiss zum Wodka angeboten werden sollte.

Die Männer setzten sich auf Stühle, Antonina Alexejwna setzte sich auf den Tisch, und das Besäufnis begann.

Hygienisch kann man das nicht nennen, wenn eine nackt Frau auf dem Tisch sitzt, an dem gegessen wird. Obendrein aber war Antonina Alexejewna eine Frau von recht üppiger Statur und nicht besonders reinlich, so dass es überhaupt ein starkes Stück war.

Bald aber waren alle betrunken und schliefen ein: die Männer auf dem Fußboden und Antonina Alexejewna auf dem Tisch.

Und in die Gemeinschaftswohnung zog Stille ein