Pressestimmen

DIE SÜDOSTSCHWEIZ

Donnerstag, 12. Januar 2012

Kräuterlikör gegen Fisch und Liebeslohn gegen Bett

 

Als Schweizer Erstaufführung hat das Theater Klibühni in Chur am Dienstag unter der Regie von Christian Kaiser die Komödie «Fisch zu viert» gezeigt.

 

Das Publikum amüsierte sich köstlich an einem Mordsspass um drei Damen mit Diener.

Von Maya Höneisen

Chur. –Die Originalvorlage des Stücks «Fisch zu viert» sei gespickt mit politischen Anspielungen, erklärte der RegisseurChristian Kaiser nach der Premiere

am Dienstag. Es wurde in der damaligen DDR von Michael Kohlhaase und Rita Zimmer geschrieben, 1970 in Dresden uraufgeführt und verschwand danach hinter dem eisernen Vorhang gleich wieder in der Versenkung. Erst zehn Jahre später kam es im Westen wieder zur Aufführung und wurde zum Erfolg. Die Fassung der Schweizer Erstaufführung, von der Klibühni in Chur auf die Bühne gebracht, verzichtet auf Politik und setzt auf reine Unterhaltung. Die ist aber vom Feinsten und rabenschwarz dazu.

Stets zu Diensten

Tatort ist ein Landhaus in Preussen im Jahr 1838. Jahr für Jahr verbringen drei Schwestern, die eiserne Charlotte (Uta Krause), die etwas frivole Cäcilie (Franziska Mencz) und die unschuldsvolle Clementine (Felicitas Heyerick) zusammen mit ihrem Diener Rudolf (Krishan Krone) dort die Sommerfrische. Die Bierbrauerei-Chefin Charlotte führt ein herbes Regiment im Familienkäfig, in welchem keine der drei fülligen Damen weiss, dass der treusorgende Diener jeder auch für zärtliche Stunden zur Verfügung steht.

Nun aber plant Rudolf mit dem Rest der ihm übriggebliebenen Manneskraft eine Weltreise und will sich seinen Liebeslohn aus dem Firmenvermögen auszahlen lassen. Den Schwestern schwant, dass er jeder von ihnen mit seinem Walzerspiel am Klavier und

eindeutigen Anspielungen auf die «blutrote Sonne in goldgeäderten Wolken

» den Kopf verdreht hat. Das lässt die Brauereierbinnen nun resolut zur Tat schreiten. Ein Zeitungsbericht bringt das Trio auf mordlustige Gedanken. Schon seit Jahren stärken sie ihren «Toyboy» jeweils mit einem Gläschen Kräuterlikör. Dieser soll ihm nun zum Verhängnis werden. Arsen heisst das Zauberwort. Aber auch Rudolf bleibt nicht untätig. Er durchschaut das makabere Spiel und geht seinerseits zum Angriff über. Er beobachtet die in der Nacht mit klaren Absichten herumgeisternden Frauen und verwöhnt sie tags danach nochmals mit seinen Kochkünsten. Das delikate Hecht - essen mit «etwas zu viel Lorbeer» und ein höchst dramatischer Austausch von Puderzucker mit Arsen durch die naive

Clementine führen schliesslich zu einem Ende Richtung Leichenhaus.

Ein ausgefeiltes Spiel

In manchem erinnert das Stück an Agathe Christies Krimiklassiker «Arsen und Spitzenhäubchen». Statt der Holunderwein-Karaffe halten die Brauereierbinnen bei «Fisch zu viert» in ihrem Sommerdomizil jedoch den mit Arsen versetzten Kräuterlikör

griffbereit. Auch ironische Anspielungen von Krishan Krone als Diener Rudolf auf Freddie Frinton in «Dinner For One» sind in der Aufführung der Klibühni nicht zu übersehen. Die präzis gesetzten Pointen in den Dialogduellen,Tempo, Sprachwitz und Komik hatten die Schauspieler an der Premiere aber vollends im Griff. Das perfekt miteinander agierende Quartett hatte offensichtlich den eigenen Spass am abgekarteten Spiel.

Unterstützt wurden die Schauspieler durch ein minimalistisches Bühnenbild.

Die Koffer, mit denen die überspannte Damengesellschaft in die Sommerfrische anreiste, dienten für alles, was nötig war. Dazu kamen zwei in Stellwände eingelassene Schränkchen für Likör und Arsen, deren Quietschen nicht etwa von der Technik eingespielt, sondern von den Schauspielern «vertont» wurde, was bei jedem Öffnen und Schliessen für wonniges Gekicher im Publikum sorgte. Fantastisch waren die aus Papier gefertigten, schrillen Kostüme von Lena Maire. Die Idee dazu wurde in der DDR in den

Siebzigerjahren für eine Modekollektion entwickelt, kam aber nie zur Umsetzung.

In der Churer Inszenierung sind sie das Tüpfchen auf dem i.

«Fisch zu viert». Weitere Vorstellungen: 12.,13., 14., 24., 25., 26., 27. und 28. Januar,

jeweils um 20.30 Uhr. Theater Klibühni, Chur.

 

 

 

Bündtner Tagblatt

 

Donnerstag, 12. Januar 2012 19

Theaterkritik

Bis zum bitteren Ende

 

Zum Start in die neue Theatersaison zeigte die Klibühni in Chur am Dienstagabend das Erfolgsstück «Fisch zu viert» und bescherte dem Premierenpublikum einen Theaterspass allererster Güte.

Von Cornelius Raeber

 

«Rudolph, Rudolph, Rudolph bring, Rudolph mach, Rudolph hol», der Arme könnte einem leid tun. Immer neue Nichtigkeiten tragen die drei keifenden Schwestern Clementine, Cäcilie und Charlotte dem altgedienten Rudolph bei ihrer Ankunft im Sommerhaus auf – nur um ihn zu demütigen und ihm die Abhängigkeit von seinen Gebieterinnen zu demonstrieren. Dabei ist der kränkelnde und verzweifelte Diener nicht mehr der Jüngste, hat genug vom Leben zwischen Charlottenburg und der Sommerresidenz Merklin bei Neuruppin und nur noch eines im Sinn: weg aus diesem Haus, weg von den drei ebenfalls nicht mehr ganz jungen Bierproduzentinnen, hinaus in die weite Welt. Dazu braucht er allerdings das nötige Kleingeld und erinnert sich darum an die dreifach versprochene Erbschaft, die er sich nun einfach etwas früher holen will – was allerdings dreifach auf wenig Verständnis stösst.

Tolle Schauspieler

Der erbwillige und ständig hüstelnde Rudolph, der nicht auf das Ableben seiner drei Herrinnen warten will, wird von einem hervorragenden Krishan Krone gespielt. Vom devoten Untergebenen bis zum noblen und durchtriebenen Eventualerben bedient er alle Schattierungen seiner Rolle und beweist grosse schauspielerische Klasse. In nichts stehen ihm die drei üppig ausgestatteten Damen in ihren ausladenden Kostümen und

Frisuren nach. Felicitas Heyerick als naive Clementine gefällt nicht nur ihrer grossen Kulleraugen wegen, ebenso überzeugend agieren Franziska Mencz als Cäcilie mit ihrer sonderlichen Vorliebe für Kavallerieleutnants und Uta Krause

als berechnende und geschäftstüchtige Charlotte.

 

Rasante und pfiffige Sprache

Weil die Damen partout nicht zahlen wollen, spitzt sich die Situation gefährlich zu und der hie und da mit einem Kräuterlikör zufriedengestellte Rudolph droht den Schwestern, seine (geheimen) amourösen Abenteuer als Druckmittel einzusetzen. Keine der drei weiss natürlich von der Affäre der jeweils anderen mit dem bislang verschwiegenen, aber Mordabsichten hegenden Diener. Umwerfend wie Charlotte, Cäcilie und Clementine

während der Zeitungslektüre über eigenartige Todesfälle selbst auf abstruse Mordgedanken kommen und beginnen, über das perfekte Verbrechen zu fantasieren. Ebenfalls ein vergnügliches Highlight der Aufführung ist das nächtliche Verwirrspiel um Gifte, Getränke und Baldriantropfen mit dem pointierten Gequietsche der beiden Wandschränklein.

Begeistertes Publikum

«Fisch zu viert» wurde vom bedeutenden deutschen Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase zusammen mit Rita Zimmer geschrieben und 1968 als Hörspiel ausgestrahlt, aber erst 1970 als Theaterstück in Dresden uraufgeführt. Seit Jahren wird das 1838 angesiedelte Stück mit grossem Erfolg auf vielen Bühnen des deutschsprachigen Raums aufgeführt. Auch an der Premiere in der Klibühni in Chur zeigte sich das Publikum von der Inszenierung mit den witzigen Dialogen, den frivolen Pointen und dem schlichten Bühnenbild begeistert. Dem mörderischen Schauspielerquartett, dem Regisseur Christian Kaiser und Lena Maire (Ausstattung) ist es gelungen, für einen unterhaltsamen, temporeichen und schwarzhumorigen Krimispass allererster Güte zu sorgen.

 

Weitere Vorstellungen: 12./13./14. und 24./25./26./27. sowie 28. Januar jeweils um 20.30 Uhr in de Klibühni in Chur. Tickets unter www.klibuehni.ch