Zweifel von John Patrick Shanley

Eine Produktion der Klibühni, Das Theater in Chur

 

Zweifel von John Patrick Shanley

 

Schwester Aloisius: Franziska Mencz

Schwester James: Anna Prüstel

Pater Flynn: Christian Kaiser

Mrs. Miller: Amara Baumgartner

 

 

Regie: Andrea Zogg

 

 

Zum Stück

 

Die Schulleiterin Schwester Aloysius führt an der katholischen Schule St. Nicholas, an der auch Pater Flynn und Schwester James als Lehrer arbeiten, ein strenges Regiment.

Schwester James ist jung und naiv; Pater Flynn ist sympathisch und bei den Schülern beliebt. Er leitet das Basketballteam der Schule und kümmert sich rührend um seine Schützlinge. Die mehr als korrekte Schwester Aloysius hat allerdings ihre Zweifel an der moralischen Integrität des Priesters und lässt Schwester James ein Auge auf ihn haben. Als die vertrauensselige Schwester ihr kurz darauf meldet, dass sich ein Schüler merkwürdig verhalten und zudem nach Wein gerochen habe, verdächtigt Schwester Aloysius den Priester, sich an dem einzigen schwarzen Schüler Donald vergangen zu haben.

Obwohl sie keine Beweise hat und Flynn seine Unschuld beteuert, beginnt sie eine unerbittliche

Hetzjagd…

 

 

 

Die Täter

Macht und Zölibat

Die Strukturen der Kirche begünstigen das Verbrechen des sexuellen Missbrauchs

 

"Über Wochen erschüttern Skandale um sexuellen Missbrauch die römisch-katholische Kirche von Polen bis in die USA. In den zahlreichen Stellungnahmen dazu spielte der Zölibat, die Ehelosigkeit der Geistlichen, eine zentrale Rolle, denn unterdrückte Sexualität scheint zumindest ein Erklärungsmuster für sexuellen Missbrauch zu bieten. Doch Vorsicht ist geboten - bei einem heiklen Thema wie diesem muss misstrauisch jede zunächst nahe liegende Erklärung unter Verdacht gestellt werden: Wird vielleicht eine Entschuldigungsstrategie eingeführt, indem Priestertäter wiederum selbst als Opfer der kirchlichen Struktur identifiziert werden? Dies wäre die altbekannte Taktik der Verschleierung, die eine kleinere Sache in den Vordergrund schiebt, um die zugrunde liegende Ursache zu verbergen.

 

Die Rede ist vom Lebensstil erwachsener Männer, die in teilweise hohen Ämtern mit großen

Verantwortungsbereichen arbeiten. Die Strukturen der Kirche bündeln in zentralen Positionen - als Ergebnis historischer Entwicklungen und quasi-theologisch unterfüttert - eine immense Machtfülle, die den Amtsinhabern fast unkontrolliert zur Verfügung steht. In Kombination mit der ihnen unterstellten moralischen Integrität begünstigt diese Position Missbrauch und Verbrechen außerordentlich. Als Mitglieder der kirchlichen Elite profitierten die Täter lange Jahre von dieser Zugehörigkeit - und änderten daran nichts. Dies alles ist lange bekannt und führt zu der Frage, ob der Zölibat tatsächlich einen adäquaten Ansatzpunkt zur Lösung des Problems bieten kann?

Wer je mit Opfern sexuellen Missbrauchs gearbeitet hat, weiß, dass es dabei nicht um Sexualität geht, sondern um ein Machtgefälle zwischen Schwächeren: Babies, Kinder, Jugendliche und besonders Frauen auf der einen Seite und einer Autoritätsperson auf der anderen, die eine Abhängigkeitssituation brutal ausnützt, um sich ein Gefühl der Überlegenheit zu verschaffen. Sexueller Missbrauch findet zuallererst im persönlichen Umfeld statt. Täter sind Väter, Brüder, Verwandte, Freunde der Familie, Sportlehrer - und Mütter, Schwestern, Tanten sind allzu oft schweigende Mitwisserinnen und schützen so das Verbrechen, das ohne ihr schweigendes Zutun oft gar nicht stattfinden könnte. Beim Täter verbirgt sich ein massiv gestörtes Selbstbewusstsein hinter der Tat. Oft ist er in seiner Persönlichkeitsentwicklung stark zurückgeblieben und missbraucht sein Opfer zur Kompensation der eigenen

Minderwertigkeitserfahrungen.

"Missbrauch" meint nicht nur die Autorität des Täters und das in ihn gesetzte Vertrauen: Der Junge, das Mädchen wird schonungslos zu einem Ding erniedrigt, das eine bestimmte Funktion zu erfüllen hat. Das Mädchen oder der Junge, die Opfer des Missbrauchs sind, befinden sich in einer für sie unüberwindbaren Situation: Die Autorität, das Ansehen des Täters, lassen ihnen kaum einen Ausweg aus dieser physischen und psychischen Foltersituation. Anzeichen werden von anderen Bezugspersonen selten erkannt, oft auch bewusst beiseitegeschoben: "Das kann ja nicht sein." Selbst wenn Kinder es schaffen, darüber zu sprechen, wird ihnen nicht geglaubt. Meist gelingt es erst viele Jahre später, das Gefühl der Scham zu überwinden und zu sprechen. Reaktionen sind oft Unglauben, aktives Vertuschen bis hin zum Vorwurf des Mitmachens. Erstaunlich ist jedoch vor allem eines: Im Mittelpunkt der Reaktionen steht das Sexuelle und damit Assoziationen von Lust, Scham, Moral und Schuld bzw. Sünde, während der zugrunde liegende Missbrauch von Autorität und Macht selten erkannt wird.

Dadurch gerät die Tat in einen gänzlich falschen Bedeutungszusammenhang und evoziert etwa bei einer Vergewaltigung den immer wieder zu hörenden Verdacht der Mitschuld des Opfers! Die Funktion dieser Wendung ist offensichtlich, an den Kern des Verbrechens wird nicht gerührt: Die Kultur von Gewalt und der Umgang mit Macht in unserer Gesellschaft - und in dem gesellschaftlichen Subsystem, in dem die Tat stattfindet. Eine Fülle von Fragen schließen sich an: Wie wird in dieser Familie, Gruppe, Organisation mit Sexualität umgegangen und welche Rolle spielen Macht- und Zwangsmechanismen dabei? Welche Rolle und Funktion, welche Rechte haben die Kinder in diesem sozialen Umfeld? Wie werden hier Gruppenpositionen bestimmt? Wo liegen die Unterschiede zwischen offiziellen Regeln und Praxis, wie werden Machtpositionen definiert? Dies sind nur einige der Fragen, die bei der Aufklärung eines Falls von sexuellem Missbrauchs hilfreicher und sinnvoller sind als der Verweis auf die Sphäre des Sexuellen,

in der der Zölibat notwendig diskutiert werden muss.

 

All diese Kennzeichen liegen in den kirchlichen Missbrauchsfällen der vergangenen Monate vor: eine Abhängigkeitssituation, Autorität und gesellschaftlicher Status der Täter, das Machtgefälle, Vertuschung und Beschuldigung der Opfer. Diese Momente verbinden sich mit der strukturellen Eigenart dieser Kirche: Ein relativ geschlossenes System wie die röm.-kath. Kirche sichert sich durch restriktive Verhaltensregeln. Der Pflichtzölibat zählt sicher zu den markantesten Regeln dieses Systems, ebenso die Einschränkung des Priesteramtes auf Männer. Hier besteht eine relativ unkontrollierte Machtposition, die Missbrauch in verschiedene Richtungen geradezu herausfordert. Dazu muss übrigens auch der entwürdigende Umgang mit Frauen gerechnet werden, die Kinder mit Priestern haben. Über die Diffamierung dieser Paare hinaus werden die Frauen zu Geheimhaltung bei drohendem Verlust von Unterhaltszahlungen gezwungen, sind massivem Druck durch ihr kirchliches Umfeld ausgesetzt. Die Ehelosigkeit der Priester ist de facto Teil eines Begründungszusammenhangs für ein bestimmtes Kirchenbild. Frauen und Sexualität kommt darin eine untergeordnete Rolle zu, während ein kaum verdeckter Männlichkeitskult zu theologischem Unsinn verbrämt wird. Dennoch kann die Bedeutung

einer nicht unterdrückten Sexualität für die psychische und seelische Entwicklung heutzutage nicht mehr ernsthaft in Frage stehen. Die Kirche ist herausgefordert, darauf adäquat zu reagieren und sich zu verändern - Amtsenthebungen und Schuldbekenntnisse helfen hier letztlich nicht weiter."

 

(Bernd Hans Göhrig ist Bundesgeschäftsführer der Initiative Kirche von unten und arbeitete mehrere

Jahre in der katholischen Verbandsjugendarbeit auch zum Thema sexuellen Missbrauchs bei Kindern und

Jugendlichen)

 

Das Problem der kognitiven Verzerrung

 

Schwester Aloysius hat gegen Pater Flynn einen bestimmten Verdacht, den sie Schwester James mitteilt. Ihre Beobachtungen scheinen dann diesen Verdacht zu bestätigen. Aber möglicherweise hat sie die Fakten auch nur zu Ungunsten Pater Flynns interpretiert, weil sie bereits mit einer bestimmten Erwartungshaltung heranging. Schwester Aloysius unterliegt also möglicherweise einer kognitiven Verzerrung:

 

Die kognitive Verzerrung bezeichnet die Verzerrung einer kognitiven Strategie.

Kognitive Verzerrungen kommen systematisch vor und zwar beim Schließen aus Sachverhalten

Urteilen aufgrund dieser Schlüsse Entscheiden auf der Grundlage von vorangegangener Urteilsbildung. Man kann sie als normalen Vorgang der Informationsverarbeitung bezeichnen. Verzerrungen führen oft zu inadäquaten Denkweisen nämlich immer dann, wenn man nicht differenzieren kann, ob eine alte Strategie auch für die neue Problembewältigung angemessen ist. Wir verlassen uns viel zu häufig auf alte vertraute Regeln. Die kognitive Verzerrung und mit ihr verbunden die selektive Wahrnehmung erschweren die Aufklärung

von Fällen sexuellen Missbrauchs und machen häufig eine objektive Wahrheitsfindung sogar unmöglich.

 

Quelle: http://www.uni-protokolle.de/Lexikon/Kognitive_Verzerrung.html

 

 

 

 

Der Zweifel in der Philosophie

 

In der Philosophie gehört der Zweifel neben der Sinnfrage und dem Zweifel zu den Grundantrieben des Philosophierens.

 

Antike Skepsis

Die Skepsis (wörtlich „Umherblicken“) des Pyrrhon von Elis (365-275 v. Chr.) ist systematisch dargestellt bei Sextus Empiricus (ca. 200-250 n. Chr.). Ausganspunkt der pyrrhonischen Skepsis ist der Zusammenhang zwischen Urteilsenthaltung und Seelenruhe.

Unruhe kommt aus dem Drang, die Dinge zu erkennen und zu bewerten. Der dogmatische Glaube an natürliche Güter oder Übel bringt den Menschen in Verwirrung und Angst. Wenn die Skeptiker sich des Urteils enthalten und zur Gleichgültigkeit gelangen, folgt die Seelenruhe wie der Schatten dem Körper.

Die Urteilsenthaltung über die Natur der Dinge begründet die pyrrhonischen Skepsis durch den

„gleichstarken Widerstreit“: Bei jeder Aussage ist eine gleichwertige entgegengesetzte denkbar.

 

Die Skeptiker untersuchen die Möglichkeit einer Entgegensetzung, um die Urteilsenthaltung

herbeizuführen. Eine Erscheinung oder ein Gedanke wird dabei mit einer (gegenläufigen) Erscheinung oder einem Gedanken verglichen. Sextus gibt dafür eine Liste von Figuren an *…+, die sich auf die Relativität gründen. Relativ ist

Der Urteilende, denn verschieden sind die Lebewesen, die Menschen, die Sinnesorgane und die

Umstände, unter denen eine Wahrnehmung stattfindet.

Das Beurteilte: Je nach ihrer Quantität erscheinen die Dinge anders (das Sandkorn ist hart, der

Sandhaufen weich). Auch die Sitten und Lebensformen der Völker sind unterschiedlich.

Urteilende und Beurteiltes zusammen: Je nach Position des Betrachters sehen die Dinge anders aus, oder einem von beiden ist etwas „beigemischt“. Auch die Häufigkeit des Phänomens bestimmt dessen Stellenwert. [...]

Nach Sextus wird z. B. nicht bestritten, dass Honig süß schmeckt, wohl aber, dass er süß ist.

Quelle: dtv-Atlas Philosophie, S. 61

 

 

Glaubensfrage Der Film

Der Filmdrama basiert auf Shanleys mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneten

Broadway–Erfolg Zweifel (Doubt: A Parable) und stellt die Direktorin einer

katholischen Schule in den Mittelpunkt, die einen populären Priester des

Kindesmissbrauchs bezichtigt. Der Film wurde 2008 unter dem Titel

Glaubensfrage mit Meryl Streep und Philip Seymour Hoffman in den

Hauptrollen verfilmt sowie für sechs Oscars nominiert.