Pressestimmen zu ZWEIFEL

BÜNDTNER TAGBLATT, 4. April 2014

 

«die Wahrheit taugt nicht für die Predigt»

Die Klibühni zeigt mit «Zweifel» ein Kammerspiel über die Grundfragen menschlichen Zusammenlebens,

gradlinig inszeniert von Andrea Zogg.

Man will es einfach wissen: Hat er es getan, hat er nicht? Es ist derselbe Mechanismus, der ganze Ladenregale mit Kriminalromanen füllt und leert: Es ist der Wunsch nach absoluter Gewissheit. Nach dem Gefühl der Befriedigung, das sich einstellt, wenn der Schuldige benannt und seiner gerechten Strafe zugeführt worden ist. Wenn die Welt am Ende der Geschichte wieder im Reinen ist. John Patrick Shanley hat zu diesem Thema eine Parabel geschrieben, «Zweifel» heisst sie, die Theaterfassung erhielt den Pulitzerpreis, die Filmadaption immerhin eine Oscarnomonation. Am Dienstag hatte das Stück in der Klibühni Premiere.

Selbstverständlich stellt sich absolute Gewissheit im wahren Leben kaum einmal ein. Oder mit den Worten von Vater Flynn gesprochen: «Die Wahrheit taugt nicht für die Predigt. Sie ist verwirrend und kennt keine Moral.» Die Undurchsichtigkeit der Wirklichkeit macht uns zu schaffen, weshalb wir anfällig werden für falsche Verdachte, Verschwörungstheorien und Heilsversprechungen. Diese kaum auszuhaltende Ungewissheit hat Dramatiker Shanley zum Angelpunkt seines Stückes gemacht.

Eine Parabel, wie das Stück im Untertitel heisst, bedient sich Figuren, die eher Typen sind denn Charaktere. In «Zweifel» ist da Schwester Aloysius, eine herrschsüchtige, stockkonservative Nonne, die ihre Schule mit eiserner Hand führt. Auf der anderen Seite steht Vater Flynn für eine liberale Auslegung des christlichen Auftrages, die Mitgefühl, Engagement und Offenheit ins Zentrum stellt. Zwischen die beiden Geisteshaltungen geklemmt findet sich die brave Schwester James wieder, zu Flynns neuen Ideen hingezogen einerseits, andererseits aber doch nicht stark genug, gegen ihre Rektorin zu rebellieren.

Es kommt, wie es kommen muss

Nun kommt der böse Verdacht auf: Der joviale Pater könnte sich an einem der Kinder vergangen haben. Es gibt Indizien, aber keine Beweise, doch im Kopf der Rektorin fügt sich alles zu einer unbezweifelbaren Gewissheit zusammen: Das private Treffen des Pfarrers mit dem Jungen, dessen Alkoholfahne, sein seltsames Verhalten, die drei Stück Zucker, die der Pfarrer in seinen Tee rührt. Es kommt, wie es kommen muss, zum grossen Finale, zur Konfrontation.

Die Klibühni-Inszenierung von Andrea Zogg ist frei von unnötigem Schnickschnack. Wie durch ein Brennglas lässt sie auf die Mechanismen blicken, die hinter Verleumdung, Verleugnung und Verführung wirken. Edgar Zanoni hat dazu eine so einfache wie wandlungsfähige Bühne gestaltet. Zogg kann ausserdem auf ein ideal besetztes Ensemble vertrauen. Franziska Mencz braucht als Rektorin Aloysius nur schon ihre Augenbrauen hochzuziehen, schon fühlt man sich ertappt, Anna Prüstel zittert und krümmt sich als eingeschüchterte, labile Schwesters James erbarmungswürdig durch den Abend, hinzu kommt Amara Baumgartner in der Rolle der Kindsmutter, die ihre kleine Rolle mit grosser Sicherheit ausfüllt. Und zu guter letzt Christian Kaiser, der exakt jene Balance zwischen schmierig und sympathisch hält, so dass man seine Figur einfach nicht dingfest machen kann. Hat er es getan, hat er nicht? Man würde es gerne wissen.

 

Julian Reich Bündtner Tagblatt