Südostschweiz | Donnerstag, 10. September 2015

 

Wie die Götter neueUntertanen gewinnen wollen

In einer Eigenproduktion zeigt die Klibühni in Chur derzeit «Omelette surprise» von Axel von Ambesser – eine witzige Ehekomödie unter Verwendung des antiken «Amphytrion»-Stoffes.

von Christian Ruch

 

Schatz, ist alles in Ordnung?», fragt Hubert Martens, genannt Hubsi, seine Gattin Irene, Kosename Iri. Herr Martens ist nämlich besorgt und das mit Recht: Denn Iri schwärmt von der rauschenden gemeinsamen Liebesnacht, aus der sie erwacht ist. Hubsi sass zu diesem Zeitpunkt aber im Flugzeug, er ist gerade erst – ganz zeitgemäß mit einem Becher Coffee-to-go in der Hand – von einer langen Reise heimgekehrt. Er kann es also nicht gewesen sein, der seine Gattin dreimal beglückte und noch dazu von der Haushälterin Frau Stein mitten in der Nacht eine Omelette zwecks Stärkung verlangte. Iri aber behauptet steif und fest, dass es Hubsi war, der sich – für sie etwas ungewohnt – als feuriger Liebhaber betätigte. Auch dass er während des Liebesspiels bisweilen in der Versform des Hexameters sprach, wunderte sie zwar schon etwas, doch nahm sie das angesichts der Liebeskünste gern in Kauf. Aus dieser Ausgangssituation entwickelt sich die wunderbare Ehekomödie «Omelette surprise» von Axel von Ambesser, die am Dienstag im Theater Klibühni in Chur Premiere feierte. Hintergrund des Stücks ist der antike «Amphytrion»-Stoff, und so ist es auch hier der Göttervater Jupiter höchstpersönlich, der Frau Martens so wonnevolle Stunden bereitet, dies jedoch in Gestalt ihres Gatten. Die Götter nämlich sind beleidigt, weil die Menschen nicht mehr an sie glauben, also müssen sie sich irgendwie bemerkbar machen. Wer glaubt schon an Götter? Dass der Sex, den Iri geniessen durfte, buchstäblich göttlich war, ahnt zu diesem Zeitpunkt aber weder sie selbst noch ihr Gatte. Der ruft in seiner Verzweiflung seine Nachbarin, die Ärztin Frau Dr. Müller. Sie soll sich der merkwürdigen Fantasien seiner Gemahlin annehmen. Doch Frau Dr. Müller ist trotz ihrer herrlich komischen «Let-itgo »-Lockerungsübungen selbst so überspannt und noch dazu mit theoretischem Lehrbuchwissen vollgestopft, dass sie den Martens auch nicht wirklich helfen kann. Also muss der renommierte Psychiater Dr. Dr. Faaz hinzugezogen werden. Ihm gelingt es immerhin herauszufinden, dass die merkwürdige Geschichte etwas mit dem «Amphytrion»-Motiv zu tun hat – als aufgeklärter Mensch und Wissenschaftler glaubt aber auch er selbstverständlich nicht an Götter, sondern er vermutet, dass sich Frau Martens ihren nicht wahnsinnig außergewöhnlichen Hubsi als Gott zurechtfantasiert hat. Nun wird es Jupiter zu blöd, und so kehrt er zur Erde zurück, um erst Dr. Dr. Faaz, dann Frau Dr. Müller und schließlich Hubsi

selbst von seiner Existenz zu überzeugen. Dergestalt bekehrt sind alle Missverständnisse und Verdächtigungen beseitigt, trotzdem beschließen die vier Protagonisten, niemandem etwas von ihrer Gotteserfahrung zu erzählen – denn wer würde ihnen schon glauben?

Alle Darstellenden haben sichtlich großen Spaß an ihren Rollen, die sie mit viel Witz und Können ausfüllen – Christian Kaiser als Hubert Martens ebenso wie Franziska Mencz als Irene Martens und Oliver Krättli als Dr. Dr. Faaz. Felicitas Heyerick brilliert in einer Doppelrolle: einerseits als Frau Dr. Müller, andererseits als die herrlich bünzlig-biedere und etwas «verschupfte », weinerliche Schweizer Haushälterin Frau Stein. Auch die Rolle der Götter wird von dem Quartett übernommen.

Polster betreten verboten!

Die Inszenierung unter der Regie von Krishan Krone nutzt die kleinräumigen Verhältnisse in der Klibühni ideal und siedelt das Geschehen auf einem riesigen Polster an, das sich auf der Terrasse der Martens befindet und das mit Schuhen zu betreten so streng verboten ist, dass der Verstoß gegen dieses eherne Gesetz immer wieder Schreckensschreie auslöst – bis Gottvater Jupiter selbst das Verbot bricht und so alle von der bürgerlichen Zwanghaftigkeit befreit. Überhaupt die Zwänge: Was Axel von Ambesser als «Spaß in fünf Akten » bezeichnete, ist viel mehr als das – eine wundervolle Satire auf den von der aufgeklärten Welt verordneten Zwang, nur das zu glauben, was man sieht, und nur das zu sehen, was man glaubt. Die im Theater Klibühni gezeigte Version aktualisiert das 1979 erstmals aufgeführte Stück darüber hinaus durch bissige Seitenhiebe auf den Schauspieler Till Schweiger und das unselige Phänomen von Telefon- Hotlines, die den am Telefonhörer Wartenden oft verzweifeln lassen. Akzentuiert werden aber auch die satirische Kritik am verquasten Wissenschaftsjargon und die unreflektierte Hörigkeit der Medizin und ihren Autoritäten gegenüber. Das Premierenpublikum hat das «Omelette surprise», das es in der Klibühni serviert bekam, jedenfalls sichtlich und hörbar genossen, indem es sich mit lebhaftem Beifall für den mehr als unterhaltsamen Abend bedankte.

«Omelette surprise».

Weitere Aufführungen: vom 10. bis 12. September sowie vom 15. bis 19. September, jeweils 20.30 Uhr, Theater Klibühni, Chur.

 

 

 

 

Bündtner Tagblatt, 10. September 2015

 

Eine Nacht und zwei Versionen

In der Klibühni hat am Dienstag die Komödie «Omelette Surprise» von Axel Ambesser Premiere gefeiert. In der Eigenproduktion des Theaters brachte Regisseur Krishan Krone eine temporeiche Version des Amphytrion-Stoffes auf die Bühne.

von MAYA H Ö N E I S E N

 

Es ist schon eine Krux, wenn verschiedene Wahrnehmungen aufeinandertreffen.

Jeder erklärt seine Realität, die vom anderen auf keinen Fall verstanden wird. Man kann stunden- ja tageweise, oder sogar ein ganzes Leben aneinander vorbei diskutieren, ohne je auf einen grünen Zweig zu kommen. In der Klibühni dauerte dieser Umstand zwar kein ganzes Leben, löste aber in eineinhalb Stunden immerhin eine satte Beziehungskrise aus. Die Hände im Spiel haben dabei die Götter, allen voran Jupiter.

Ein Omelette als Beweis

Donner und Blitz. Auf dem Balkon der Klibühni stehen weissgewandet und singend Merkur, Venus, Minerva und Jupiter im Götterhimmel. Auf der als Lounge von Bettina Brunold gestalteten Bühne wühlt sich indes Irene Martens (Franziska Mencz) in den Kissen des Ehebettes. Sie hat eine göttliche Nacht hinter sich. Jupiter hat sie gleich mehrmals beglückt. Just in diesem Moment kommt ihr Mann Hubert (Christian Kaiser) von seiner Geschäftsreise nach Hause, freut sich auf seine Frau und auf einen zärtlichen Empfang. Erstaunt muss er von seiner erschöpften Frau erfahren, dass er bereits am Vorabend angekommen sei und die Nacht mit ihr verbracht haben soll. Erst einmal geschmeichelt geht er davon aus, dass Irene das Liebesglück aus lauter Sehnsucht nach ihm bloß geträumt habe. Irene aber besteht darauf, dass diese Nacht Realität gewesen sei. Bestätigen soll dies Frau Stein, die Köchin des Hauses, die nachts um halb zwölf dem Hausherrn ein Omelett gemacht haben soll. «Aus sieben Eiern», bekräftigt denn auch Frau Stein. Ein Omelette, von welchem Hubert gar nichts weiss, in der fraglichen Zeit habe er nämlich am Mailänder Flughafen festgesessen, so sagt er es mindestens. Hubert seinerseits vermutet deshalb, dass seine Frau ein psychisches Problem hat. Irene indes bezichtigt ihren Mann der Wahnvorstellungen, der wiederum sie als verrückt erklärt. Die benachbarte Frau Dr. Müller wird beigezogen (eine fantastische Felicitas Heyerick als leicht überhebliche Ärztin und naive Haushälterin in einer Doppelrolle). Aber auch sie kommt den rätselhaften Begebenheiten nicht auf die Spur und zieht den Spezialisten Dr. Dr. Faaz (Oliver Krättli) bei. «Ich hab’s: Amphytrion », stellt der Nervenarzt fest. Stoff für zahlreiche Autoren Ampyhtrion ist ein Stoff aus der griechischen Mythologie. Demnach steigt Jupiter von Zeit zu Zeit vom Götterhimmel herab, um sich in Gestalt eines Mannes mit einer Frau zu vergnügen. Mit Alkmene zum Beispiel, während Ampyhtrion auf dem Schlachtfeld kämpfte, oder in Ambessers Version Irene Martens, während deren Mann auf Geschäftsreise ist.

 

Die Wahrnehmungsdiskrepanz zwischen den Hauptfiguren griffen über die Jahrhunderte schon zahlreiche Autoren auf. Molière machte aus dem Spaß der Götter eine Gesellschaftskomödie, Heinrich von Kleist gab in seinem Stück der Tragödie mehr Platz. Ambesser zieht zur Bewältigung des Problems neuzeitliche Psychologie und Neurologie heran. Ambesser, geboren 1910 in Hamburg, war erfolgreich als Schauspieler in Unterhaltungsstoffen. Ab Mitte der 30er-Jahre arbeitete er auch für den Film. In den 50er-Jahren war er auch als Filmregisseur tätig. Mit Heinz Rühmann inszenierte er «Der Brave Soldat Schweijk», welcher mit dem Golden Globe ausgezeichnet wurde. Er starb 1988 in München.

 

Krishan Krone gab seiner Inszenierung zusätzlich eine lokale Note. So wurde etwa Frau Stein mit einem Schweizer Hochdeutsch ausgestattet, die auch gerne einmal mit der Denner-Einkaufstüte vom Einkaufen kommt. Die Musik zum Stück schrieb Markus Schönholzer.

Das ganze Ensemble zog das Stück in einem irrwitzigen Tempo durch und heimste für den überzeugend gebrachten Götterspass dann auch den verdienten Applaus des Publikums ein.

 

«Omelette Surprise». Weitere Aufführungen:

10.-12. und 15.-19. September,

20.30 Uhr. www.klibuehni.ch